Die Krone des Archipels

Die Fraktionen: Der erlauchte Hofstaat

Tief in einer verdorbenen Küstenregion, wo faulige Nebel über schwarzen Sümpfen lagen und selbst das Meer nach Krankheit roch, herrschte ein Hof, der in seiner eigenen Wahrheit lebte. Dort tafelte ein Regent eines Hofes von Leichenfressern, der sich nicht als Monster, Wahnsinnigen oder Kannibalen sah, sondern als edlen Herrscher eines ehrwürdigen Reiches. In seinen Augen waren die zerfallenen Hallen seines Hofes prächtige Paläste, ausgemergelte Ghoule erschienen ihm als stolze Ritter und Höflinge, und jede blutige Jagd war nichts anderes als ein festliches Mahl unter Adligen. Wo andere nur Verfall, Hunger und Raserei sahen, erkannte dieser Regent Glanz, Ordnung und höfische Größe.

Doch selbst ein solcher Hof, so erhaben er in der verdrehten Wahrnehmung seines Herrn auch erscheinen mochte, brauchte Versorgung, Schutz und Ordnung.

So geschah es, dass der Regent in einem Pestkönig einer der vielen Madensippen des Nurgle nicht den verrotteten Anführer einer seuchenverderbten Horde sah, sondern einen hochverehrten Meister der Küchen und Vorratskammern — einen edlen Lieferanten, der seinem Hof immer neue „delikate Speisen“ zuführte. Wo die verseuchten Heerscharen dieser Madensippe durchzogen, verfielen Städte und Dörfer in Krankheit, Fäulnis und Schwäche. Für Nurgle war dies die Aussaat seiner Gaben, das fröhliche Wuchern von Verfall und Segnung. Für den Hof der Leichenfresser jedoch waren es herrlich gereifte Festmahle, kunstvoll vorbereitet von einem großzügigen Verbündeten, dessen verdorbene Opfer in ihrem Wahn als besonders köstliche und würdige Speisen erschienen.

Der dritte Pfeiler dieses unheiligen Hofstaats war sterblich — und gerade deshalb von besonderem Wert. An den morschen Küsten seines Reiches lag eine Stadt der Menschen, einst den Cities of Sigmar zugehörig, doch längst von Krieg, Hunger und Seuchen gezeichnet. Ihre Mauern standen noch, ihre Hafenketten hielten noch, und ihre Soldaten marschierten noch in Reihen. Doch Hoffnung, Glaube und Widerstandskraft waren in ihren Straßen längst brüchig geworden. Zu oft hatten sie erlebt, wie Nurgles Gaben ganze Viertel dahinrafften, wie Kranke in den Gassen starben und wie selbst starke Mauern gegen Fäulnis und Verzweiflung wenig ausrichten konnten.

Als der Regent seinen Blick auf diese Stadt richtete, kam er nicht als Eroberer in seinem eigenen Verstand, sondern als rechtmäßiger Herrscher, der einen Platz in seinem „erlauchten Reich“ anbot. Was für andere eine grausame Unterwerfung gewesen wäre, erschien ihm selbst als großzügige Aufnahme in seinen Hofstaat. Und doch war sein Angebot von einer Macht begleitet, die selbst die Sterblichen nicht ignorieren konnten: Der Pestkönig versprach, dass jene, die sich dem Regenten unterwarfen, von den schlimmsten Seuchen seiner Madensippe verschont bleiben würden. Nicht aus Gnade, sondern aus Übereinkunft. Wer diente, wurde bewahrt. Wer gehorchte, durfte leben. Wer widerstand, blieb den Gaben Nurgles schutzlos ausgeliefert.

So knieten die Menschen.

Nicht aus Liebe.
Nicht aus Treue.
Sondern aus nacktem Überlebenswillen.

Der Regent der Leichenfresser sah in ihnen fortan keine verzweifelten Sterblichen, sondern loyale Vasallen seines Hofes — ehrbare Wachen, Hafenmeister, Burgmänner und Verwalter seiner Lande. Der Pestkönig duldete und bestätigte diesen Pakt, denn eine gehorsame Stadt war nützlicher als eine tote. Und die unterworfenen Menschen selbst erkannten bald, dass ihr Platz in diesem Hofstaat ebenso klar wie entsetzlich war: Sie hielten Mauern, Tore, Lagerhäuser und Häfen. Sie schützten Straßen und Nachschub. Sie sorgten dafür, dass aus dem Wahnsinn des Hofes und der Fäulnis der Madensippen ein funktionierendes, wenn auch grauenhaftes Reich wurde.

So wuchs aus Wahnsinn, Seuche und sterblicher Unterwerfung eine Fraktion, die in ihrer eigenen Verderbnis erstaunlich geschlossen war. Der Regent des Hofes von Leichenfressern glaubte, einen glanzvollen Hof aus erlesenen Verbündeten um sich geschart zu haben. Der Pestkönig genoss es, dass seine Gaben nicht nur verbreitet, sondern zugleich als Werkzeug der Herrschaft genutzt wurden. Und die Menschen der Stadt zahlten für ihren Schutz mit Gehorsam, Dienst und dem Wissen, dass ihre Sicherheit nur so lange währte, wie sie nützlich blieben.

Man nennt sie nun den Erlauchten Hofstaat.

Einen Hof des Wahnsinns, in dem Seuche die Speisen liefert, Hunger die Tafel leert und sterbliche Hände Mauern, Tore und Häfen für das Grauen offenhalten.

Doch selbst dieser verdorbene Hof blickt inzwischen über seine verfaulten Küsten hinaus. Gerüchte von einem zersplitterten Inselreich, reich an Leben, Beute, fruchtbarem Land, alten Häfen und uralter Macht, drangen bis in seine Hallen. Im Wahn des Regenten wurde daraus die Vision eines neuen, noch größeren Königreichs, das ihm als rechtmäßigem Herrscher zustünde — ein Reich aus Inseln, Burgen, Jagdgründen und niemals endenden Festmählern. Der Pestkönig erkannte darin fruchtbaren Boden für neue Seuchengärten, in denen Nurgles Gaben unter tropischer Sonne gedeihen könnten. Und die unterworfenen Menschen sahen neue Küsten, neue Mauern und neue Häfen, die man im Namen ihres grausamen Schutzes besetzen konnte.

So richtet sich der Blick des Erlauchten Hofstaats nun auf das Meer.

Jenseits der Brandung wartet das Archipel — ein neues Königreich für einen wahnsinnigen Hof, ein neuer Garten für die Fäulnis und ein neues Küstenreich aus Mauern, Häfen und Blut.

Und der Erlauchte Hofstaat hat beschlossen, es zu seinem eigenen zu machen.